20.01.2014
von Eva Walitzek-Schmidtko | Klett MINT | #mintmagazin

Erfindungen aus Baden-Württemberg

Zugegeben, das Rad haben die Baden-Württemberger nicht erfunden. Doch von den Straßen sind die Erfindungen aus Baden-Württemberg nicht wegzudenken: Fahrrad und Auto wurden dort erfunden. Aber auch in anderen Branchen mischen die Tüftler aus Baden und Württemberg kräftig mit: Sie entwickelten u.a. AlleskleberUhu, Leitzordner und Vierfarbstift, die Teddys mit dem berühmten Knopf im Ohr, die Urahnen moderner Windkraftanlagen und Zeppeline. Dass auch die Spätzle-Presse zum Herstellen des schwäbischen Nationalgerichts aus Baden-Württemberg stammt, ist fast selbstverständlich.

Carl Benz, Robert Bosch und Gottlieb Daimler – ihre Namen kennt und nennt jeder, wenn es um Autos und moderne Verkehrsmittel geht. Doch der Pionier des modernen Individualverkehrs war Karl Freiherr Drais von Sauerborn aus Karlsruhe. Der badische Forstmeister und Erfinder arbeitete Anfang des 19. Jahrhunderts eigentlich an vierrädrigen Fahrmaschinen mit Tretmühlen bzw. Kurbelwellen, die die Pferdekutschen ersetzen sollten. Doch weil mehrere Missernten das Projekt stoppten, erfand er 1817 kurzerhand eine Laufmaschine auf zwei Rädern, die Draisine. Die „Draisinenreiter“ stießen sich mit den Füßen vom Boden ab und waren wesentlich schneller als Fußgänger. Der Prototyp des Fahrrads wurde von Kritikern zwar verspottet, aber häufig nachgebaut – auch in anderen Ländern. Doch die Obrigkeit verbot vielerorts das Fahren auf plattenbelegten Fußwegen; auf den von Pferdefuhrwerken zerfurchten Fahrbahnen konnten die Fahrer die Balance oft nicht halten. Der Siegeszug des heute populärsten Fortbewegungsmittels wurde vorläufig gestoppt.

 

Das erste Auto

Auch Karl Friedrich Benz erntete zunächst viel Spott, als er Anfang 1886 den von ihm entwickelten Wagen ohne Pferde unter der Nummer 37435 zum Patent anmeldete. Das dreirädrige „Tricycle“ mit Benzin-Verbrennungsmotor und elektrischer Zündung hatte 0,8 PS und fuhr mit einer Höchstgeschwindigkeit von 18 km/h durch die Straßen Mannheims. Die erste „Fernfahrt“ von Mannheim ins 45 Kilometer entfernte Pforzheim unternahm Bertha Benz im Jahr 1888 mit ihren Söhnen Eugen und Richard. Nachdem der Erfinder 1889 die weiterentwickelten Benz-Modelle auf der Pariser Weltausstellung präsentierte, verbreitete sich das Automobil allmählich.

In einer Versuchswerkstatt in Bad Cannstatt bei Stuttgart entwickelten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach, beide im heutigen Baden-Württemberg geboren, den ersten Einzylinder-Viertakt-Motor, der 1883 als Daimler-Motor patentiert wurde. Den nur 60 Kilo leichten, leistungsfähigen Motor bauten die beiden Konstrukteure in Zweiräder, Boote und Kutschen ein: 1885 entstand so das erste Motorrad, 1886 der erste vierrädrige Motorwagen und 1887 durch Einbau in eine Ausstallungsbahn auch die erste Straßenbahn.

 

Eine zündende Idee

Für den entscheidenden Funken bei der Entwicklung der Automobiltechnik sorgten Robert Bosch, geboren in Albeck bei Ulm, und sein erster Ingenieur Gottlob Honold. Robert Bosch verbesserte 1887 in seiner Werkstatt in Stuttgart den von Siegfried Marcus erfundenen Magnetzünder, mit dem das Gasgemisch im Verbrennungsmotor gezündet wurde. Zehn Jahre später baute er einen Magnetzünder für einen hochtourigen Fahrzeugmotor. Die Hochspannungsmagnetzündung, kurz Zündkerze, entwickelte Gottlob Honold 1901/1902 in Robert Boschs Werkstatt in Stuttgart. Damit schaffte er eine wesentliche Voraussetzung für den Bau von schnell laufenden Verbrennungsmotoren – und den Aufstieg seines Unternehmens. An der Entwicklung des Bosch-Horns und des Scheinwerfers mit reflektierenden Metallspiegeln hatte der in Langenau bei Ulm geborene Ingenieur maßgeblichen Anteil.

 

Haarige Erfindung im Exil

Für die Erfindung der Dauerwelle musste Katharina Laible, Freundin und künftige Frau des Dauerwellen-Erfinders Karl Ludwig Nessler aus Todtnau den Kopf hinhalten: Der Friseur band ihr drei Haarsträhnen ab, pinselte sie mit einer geheimen Tinktur ein und erhitzte sie mit einer glühenden Zange. Weil die Hitze unerträglich war, musste Nessler den Versuch jedoch abbrechen.

Auch das Ergebnis war noch nicht perfekt: Die erste Strähne löste sich bis auf einen Haarstummel vom Kopf, die zweite Strähne blieb trotz einer großen Brandblase glatt. Die dritte Strähne war wie gewünscht gewellt – und blieb es auch nach mehrmaligem Waschen. Erst im Oktober 1906 präsentierte Nessler, inzwischen in London lebend, die Dauerondulation mit Anzeigen in Fachzeitschriften der Öffentlichkeit; 1908 erhielt er internationalen Patentschutz. Schon vier Jahre zuvor hatte der Friseur künstliche Augenbrauen und Augenwimpern erfunden, die täuschend echt waren und u.a. in Deutschland, Frankreich und Argentinien verkauft wurden.

 

Erfinder aus Liebe

Weil er für sein Leben gern das schwäbische Nationalgericht Spätzle aß, seiner Frau jedoch das mühselige Teig-Schaben ersparen wollte, erfand Robert Kull aus Stuttgart-Münster 1936 eine „Teigpresse aus einem mit Teigaustrittslöchern versehenen Topf“. Doch erst drei Jahre erhielt er das begehrte Patent für die Spätzle-Presse, auch „Spätzles-Schwob“ genannt. Bei den ersten Modellen musste der Teig noch mit einem Handstempel mit Holzgriff durch die Löcher gepresst werden; später ersetzte ein Hebel den Stempel.

Der Fortschritt macht auch vor der Spätzle-Produktion nicht halt. Heute sorgen unregelmäßig geformte Löcher und Kunststoff dafür, dass maschinell gepresste Spätzle wie handgemachte aussehen.

Jetzt haben Susann Hartung und ihr Sohn Julien aus Tübingen den „Spätzle-Shaker“ erfunden und läuten vielleicht eine neue Ära ein. In nur anderthalb Minuten sollen die Spätzle fertig geschüttelt sein und aus einer mit Löcher versehenen Kunststoffflasche ins kochende Wasser fließen.

 

Strom aus Wind

Ulrich W. Hütter, der Vater der modernen Windkraft in Deutschland, wurde zwar nicht in Baden-Württemberg geboren, doch er kam bereits als Student der Luftfahrttechnik dorthin. In seiner Dissertation an der Technischen Hochschule Wien entwickelte er 1942 die Hütter’sche Windrotor-Theorie. Nach dem Ende des zweien Weltkriegs konstruierte er bei den Allgaier Werken in Uhingen das erste Windrad in Deutschland mit aerodynamisch optimierten Flügeln, die nach dem Prinzip eines Flugzeugflügels arbeiteten. Der Dreiflügler mit 7,2 Kilowatt Leistung ging 1950 in Serie, Mitte der 50er Jahre entstand auf der Schwäbischen Alb das erste deutsche Testfeld für Windturbinen. Die von Hütter 1957 konstruierte Windanlage StGW-34 war ein Meilenstein in der Geschichte der Windenergienutzung und wurde zum Urahn der modernen Windräder.

 

Wer hat’s erfunden?

Wer auf diese Frage antwortet: „Die Baden-Württemberger“ liegt oft richtig. 2009 wurden nach Angaben des Deutschen Patentamtes 59.583 Erfindungen in Deutschland zum Patent angemeldet. Die meisten – 15.532 – stammten aus Baden-Württemberg, 12.641 aus Bayern und 7.408 aus Nordrhein-Westfalen. Noch besser schneiden Erfinder und Unternehmen aus dem Ländle beim Vergleich der Patentanmeldungen pro 100.000: Im Bundesdurchschnitt lag die Zahl bei 58 – in Baden-Württemberg wurden dagegen je 100.000 Einwohner 144 Patente angemeldet. Bayern rangiert mit 101 Anmeldungen je 100.000 Einwohner mit deutlichem Abstand auf Platz 2 der Rangliste; in Nordrhein-Westfalen und Hessen – gemeinsam auf Rang 3 – waren es sogar nur 41. Besonders innovationsstark erwiesen sich im Jahr 2009 die Bereiche Fahrzeug- und Maschinenbau.

 

Kreative Köpfe

Als Weltrekordler der Erfinder gilt der Japaner Nakamatsu Yoshira, auch bekannt als Dr. NakaMats, mit über 3000 patentierten Erfindungen, darunter Diskette, CD, Digitaluhr und ein Putt-Übungsgerät für Golfer.

Vergleichsweise „bescheiden“ muten dagegen die 1093 amerikanischen Patente des Erfinders der Glühlampe, Thomas Alva Edison, an. Alfred Nobel, Erfinder des Dynamit und Stifter des wohl begehrtesten und bekanntesten Wissenschaftspreises, des Nobel-Preises, brachte es sogar „nur“ auf 335 patentierte Erfindungen.